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Datum: 19.10.2018

"Die Einheit von Forschung und Lehre ist und bleibt für uns konstitutiv"

Im ehemaligen Plenarsaal des Bundestages, der heute zum World Conference Center Bonn (WCCB) gehört, hat die Universität Bonn am 18. Oktober 2018 mit einem Festakt den 200. Jahrestag ihrer Gründung gefeiert. Rektor Prof. Dr. Dr. h.c. Michael Hoch wandte sich mit dieser Rede an die Festversammlung.

 

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,

erlauben Sie mir, zu Anfang einige Worte direkt an Sie zu richten:

im Namen der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität danke ich Ihnen von Herzen für ihre großartige, inspirierende Festrede. Sie ist wahrlich ein ganz besonderes Geschenk, das Sie uns zu unserem Geburtstag bereitet haben. Herzlichen Dank für die Glückwünsche, für die lobenden Worte und auch ausdrücklich Dank für die teils kritischen Anmerkungen, die Sie uns mit auf den Weg gegeben haben. Danken will ich Ihnen auch dafür, dass Sie die Geschichte unserer Alma Mater, das Positive wie das Negative, die Irr- und Abwege ebenso wie die großen Erfolge, so ausführlich beleuchtet haben.

Dieses Jubiläumsjahr 2018 ist und war für uns zu keinem Zeitpunkt der Anlass, sich im Blick zurück unreflektierter Selbstgefälligkeit hinzugeben – nein, das Gegenteil war in vielen der über 200 Veranstaltungen im Rahmen des Jubiläums der Fall. Wir haben in diesem Jubiläumsjahr unsere Geschichte in all ihren Facetten, unsere Traditionen und Innovationen, kritisch beleuchtet. Allein so kann Geschichte Identität stiften, Orientierung schaffen und zum Vorbild und zum Anspruch unseres Handelns in der Gegenwart und in der Zukunft werden.

Das bedeutet, dass wir auch heute wachsam sein müssen, wachsam gegenüber politischen und gesellschaftlichen Kräften, die sich heute wie damals gegenüber anderen erheben wollen, Kräfte, die unsere Grundwerte, unsere Freiheit, unseren gegenseitigen Respekt und unsere Toleranz in Frage stellen und anzugreifen versuchen.

Seien Sie gewiss: Dieser Herausforderung stellen wir uns als Universität und als wichtiger Teil dieser Gesellschaft mit aller Entschiedenheit und mit allem Nachdruck – heute und in Zukunft.

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, liebe Festgäste,

genau heute vor 200 Jahren, am 18. Oktober 1818, übrigens einem Sonntag, gab es keinen Festakt aus Anlass der Gründung unserer Alma Mater. An die Anwesenheit des verantwortlichen obersten Souveräns, der die Gründungsurkunde ja auch nur widerwillig noch am gleichen Morgen auf einfachem Kanzleipapier unterschrieben hatte, war ohnehin kaum zu denken.

Beim 50-jährigen Jubiläum im Jahr 1868, damals noch gefeiert am Geburtstag des Stifters im August, wurde diese Gründungsfeier gewissermaßen nachgeholt, doch war sie allzu sehr geprägt vom zeitlichen Kontext der zunehmenden Spannungen mit Frankreich.
Das 100-jährige Jubiläum 1918?  In Anbetracht des Ersten Weltkriegs erst ein Jahr später in der Kreuzkirche nachgeholt – und angesichts von Leid und Zerstörung allerdings eher ein politischer Trauertag, wie die Historiker schreiben.

In der Geschichte unserer Universität spiegelt sich immer auch die Geschichte unseres Landes – dies kam heute bereits mehrfach zum Ausdruck. Lassen Sie mich daher eines gleich zu Anfang zum Ausdruck bringen: Was für eine Freude, dass wir hier heute, am 18. Oktober 2018, am 200. Geburtstag unserer Universität, dieses Fest gemeinsam, an diesem wunderbaren Ort in unserer Heimatstadt Bonn, in einem friedlichen, freien und vereinten Europa feiern können!

Der Internationale Chor unserer Universität hat soeben „Die Gedanken sind frei“ gesungen, dieses wunderbare Volkslied über die Gedankenfreiheit, dessen man – obwohl so oft gesungen, so oft gehört – niemals überdrüssig wird. Ich danke unserem Internationalen Chor unter der Leitung von Martin Kirchharz, den 100 Sängerinnen und Sängern aus 19 Nationen der Erde, ganz herzlich hierfür.

Im Jahr 1842, also 24 Jahre nach der Gründung unserer Alma Mater, wurde dieses Lied erstmals veröffentlicht, in der Version von Hoffmann von Fallersleben, der – sehr geehrter Herr Bundespräsident, Sie sprachen es bereits an – Bonner Alumnus ist, ein besonderer dazu, gehörte er doch zu den ersten Studierenden unserer Universität im Jahr 1818 überhaupt.

Ich habe den Text von Hoffmann von Fallersleben zum Anlass genommen, meine Gedanken zu dem, was uns als Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn im 200. Jahr unseres Bestehens beschäftigt, mithin auch zu Aspekten, die meine hochverehrten Vorredner bereits angedeutet und ausgeführt haben, schweifen zu lassen.

  • Was macht die Universität Bonn aus?
  • Was treibt uns an und um?
  • Wo wollen wir in Zukunft hin?

Vieles von dem, was 1818 bei unserer Gründung angelegt war, hat bis heute nichts an Aktualität verloren. Von den Studierenden wurde bereits mit der Gründung in der Stiftungsurkunde ein Dreiklang gefordert, – ich zitiere –: „Frömmigkeit, gründliche Wissenschaft und gute Sitte“
Ich schaue einmal in die Gesichter unserer vielen heute anwesenden Studierenden…

…und habe selbstverständlich nicht den geringsten Zweifel, dass sie diesen Forderungen allzeit während Ihres gesamten Studiums nachkommen… Zumal an der Universität in Bonn.

Heinrich Hertz, der als Entdecker der elektromagnetischen Wellen in die Wissenschaftsgeschichte einging, erhielt an seiner damaligen Wirkungsstätte in Karlsruhe mehrere Rufe großer Universitäten. Hertz war unsicher, wohin ihn sein wissenschaftlicher Weg nun führen sollte, und er fragte seine akademischen Lehrer, den großen Universalgelehrten Hermann von Helmholtz in Berlin, um Rat.

Dieser schrieb ihm, obwohl er seinen herausragenden Schüler lieber bei sich in Berlin gehabt hätte – ich zitiere –: „Wer noch viel wissenschaftliche Arbeiten vor sich sieht, die er ergreifen möchte, bleibt den Großstädten fern.“ Heinrich Hertz wollte Wissenschaft machen – und er folgte dem Ruf an die Universität Bonn.

Wer Wissenschaft betreiben will, Forschung und Lehre, der kommt nach Bonn. Heute wie damals.

Gelegentlich wird den deutschen Universitäten vorgeworfen, sie würden die Einheit von Forschung und Lehre, die für uns als Bonner Universität seit unserer Gründung grundlegend ist, wie eine Monstranz bei festlichen Anlässen vor sich hertragen, obwohl sie diese im universitären Alltag weder verwirklichen, noch den Beweis antreten könnten, dass das Ideal Wilhelm von Humboldts heute noch Gültigkeit habe.

Wir als Universität Bonn haben hierauf eine klare Antwort: Die Einheit von Forschung und Lehre ist und bleibt für uns konstitutiv. Konstitutiv, nicht aus einer historisch erwachsenen Verpflichtung heraus, sondern weil es unsere feste Überzeugung war, ist und bleibt, dass Forschung und Lehre zwei Seiten ein und derselben Medaille sind. Diese Einheit macht unsere wissenschaftliche Leistungsfähigkeit und unsere Stärke aus.

Denn: Die Universität Bonn versteht sich nicht nur als ein Ort der Schaffung neuen Wissens, sondern auch als der Ort, an dem dieses Wissen an die nächste Generation weitergegeben und gemeinsam mit ihr weiterentwickelt wird. Hierzu müssen die Studierenden für ihr Fach begeistert, die notwendigen analytisch-kritischen Kompetenzen entwickelt und zu eigenständigem verantwortlichem und kreativem Denken in einer immer komplexeren Umwelt angeleitet werden.

Dies führt mich zu einem Gedanken, in dessen Kontext ich Wilhelm von Humboldt selbst zitieren möchte. Er schreibt: „Darum ist auch der Universitätslehrer nicht mehr Lehrer, der Studierende nicht mehr Lernender, sondern dieser forscht selbst, und der Professor leitet seine Forschung und unterstützt ihn darin.“

Hiermit wird nichts weniger eingeläutet als das Ende der Rolle des Lehrenden als reinem Verkünder von tradiertem Wissen. Der Lehrende wird zum Forscher gemacht – und die Studierenden gleich mit.
Was für ein revolutionärer Gedanke im 19. Jahrhundert! Und was für eine Herausforderung in der Verwirklichung, gerade heute, in Zeiten von Massenuniversitäten und -studiengängen. Ich bin der festen Überzeugung – und darin bestätigt mich der Blick in unsere 200-jährige Geschichte ebenso wie auch meine Beobachtungen der Gegenwart –:
Das Verhältnis des oder der Lehrenden zu Studierenden ist von einer außerordentlichen Bedeutung. Ein Beispiel aus unserer Chemie – wenngleich ich ebenso viele Beispiele anderer Fachbereiche hätte wählen können. Karl Wilhelm Gottlob Kastner, erster Professor der Chemie in Bonn, hatte einen Studenten, niemand geringeren als Justus von Liebig, der von Kastner ebenfalls zur Professur begleitet wurde. Liebig wiederum hatte zwei herausragende Schüler: August Wilhelm Hofmann und Friedrich August Kekulé, die beide ebenfalls Professoren an der Bonner Universität wurden. Kekulé scharte seinerseits als Lehrer zahlreiche herausragende Nachwuchswissenschaftler um sich, u.a. die späteren Nobelpreisträger Emil Fischer und Otto Wallach.

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, sehr geehrte Festgäste,

warum stelle ich diesen akademischen Stammbaum vor? Ich tue dies, weil er mich fasziniert. Weil er eindrucksvoll verdeutlicht, was sich seit Generationen bewahrheitet: Herausragende Forschende und Lehrende ziehen herausragend-talentierte Studierende und Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler an. Und noch etwas zeigt sich eindrücklich, nämlich wie wichtig und wie fruchtbar ein enges, direktes Verhältnis vom Lehrenden zum Studierenden oder studentischen bzw. wissenschaftlichem Mitarbeitenden sein kann. Hieraus kann etwas erwachsen, etwas Innovatives entstehen, das weit über den persönlichen Diskurs zweier Forschender, auf die Wissenschaft als Ganzes hinausstrahlt.

Ich bin sicher, dass viele von uns, dass viele von Ihnen, diese Beobachtung aus ihren eigenen Erfahrungen heraus bestätigen können. Wie anders wäre so mancher unserer akademischen oder auch nicht-akademischen Laufbahnen verlaufen, hätte es nicht die oder den Lehrenden gegeben, der in der gegenseitigen Auseinandersetzung den Horizont geweitet, im Austausch angespornt, in aller notwendigen Offenheit und Ehrlichkeit auch kritisiert hat, und damit Chancen und Möglichkeiten eröffnet hat, den eigenen Weg zu gehen.

Eine Frage beschäftigt uns dabei sehr: Kann ein solches Verhältnis heute überhaupt noch hergestellt werden? Hierzu einige Zahlen: Hatte die Universität in den Anfangsjahrzehnten nur rund 800 Studierende, stieg die Zahl in den 1880er Jahren auf über 1.000. Bis 1964 lag die Zahl nie höher als 14.000, bis sie dann ab Anfang der 1980er Jahre auf über 40.000 anstieg, und sich bis heute in diesem Bereich eingependelt hat – bei einer im Verhältnis seit den 1960er Jahren gleichgebliebenen Zahl von rund 550 Professorinnen und Professoren. Ist ein gutes, produktives Verhältnis zwischen Studierenden und Lehrenden möglich, angesichts einer ungefähren aktuellen Betreuungsrelation an der Universität Bonn von 1 zu über 80.

Sind wir im internationalen Wettbewerb in der Lage, die besten Talente, die klügsten Köpfe einer jeden Disziplin – und dies ist seit jeher unser Anspruch – an unsere Universität zu holen und an uns zu binden, angesichts von deutlich niedrigeren Betreuungsrelationen an anderen Hochschulen in der Welt – beispielsweise sei hier unsere Partneruniversität in Oxford mit einer Relation von 1:11 genannt? Meine Antwort darauf ist: Ja, es kann uns gelingen.

Ein gutes Beispiel hierfür ist Peter Scholze, der nach seinem Abitur aus Berlin zum Studium nach Bonn kam. Hier wurde Michael Rapoport zu seinem akademischen Lehrer. Er bildete ihn aus, begleitete ihn durch Studium, Promotion, als jüngsten Professor Deutschlands und auch nach Rio de Janeiro, wo Peter Scholze im August die Fields-Medaille entgegennahm. Was für ein beeindruckendes Beispiel! Aber auch dieses Beispiel nimmt der schwierigen Gesamtsituation nichts. Unsere Rahmenbedingungen müssen grundlegend verbessert werden. Nur so kann sich das enorme individuelle Potential unserer Studierenden, Forschenden, Lehrenden und der Beschäftigten wirklich entwickeln und entfalten.

Ich habe keine Zweifel: Die Politik weiß um die zentrale Bedeutung der Universitäten als Motoren der Wissensgesellschaft und Impulsgeber des deutschen Wissenschaftssystems.

Erlauben Sie mir an dieser Stelle doch einen Wunsch zu äußern, zumal an unserem Geburtstag. Die Arbeitsteilung und Aufgabendefinition der verschiedenen Arten von Hochschulen, insbesondere von Universitäten und den Hochschulen für angewandte Wissenschaften, muss aus meiner Sicht wieder klarer definiert werden. Die Grenzen erscheinen mittlerweile allzu fließend – eine Vermischung, die automatisch zu einer Verwässerung führt, kann nicht im Interesse eines wettbewerbsfähigen deutschen Wissenschaftssystems sein.

Ich gebe all denjenigen recht, die in Debatten betonen, dass in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten viele Ressourcen in das Wissenschaftssystem geflossen sind – beispielhaft hierfür nenne ich die Exzellenstrategie, das Tenure-Track-Programm zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, den Hochschulpakt 2020 sowie den Qualitätspakt Lehre.

Ja, auch wir haben hiervon profitiert. Sie ahnen es bereits: Es liegt ein „Aber“ als freier Gedanke in der Luft. Zunächst allerdings eine Anekdote: Eines Tages fragte der Biochemiker und spätere Nobelpreisträger Otto Warburg den Generaldirekter der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, der späteren Max-Planck-Gesellschaft, nach 10.000 Mark, die er für seine Forschung benötige. Man antwortete ihm, die Organisation habe kein Geld für ihn, er sollte stattdessen einen Antrag an die so genannte Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft schreiben, die Vorgängerorganisation der Deutschen Forschungsgemeinschaft.  Warburgs Antwort war, er habe aber leider keine Sekretärin, die diesen Antrag schreiben könne, man solle ihm doch bitte eine zur Verfügung stellen. Dies wurde genehmigt. Und so ging nun folgender Antrag bei der Deutschen Notgemeinschaft ein – ich lese Ihnen den Brief nun komplett, in seiner ganzen Länge vor: „Absender: Dr. Otto Warburg. Überschrift: Antrag. Inhalt: Ich benötige 10.000 Mark. Otto Warburg.“ Ende. Otto Warburg bekam die 10.000 €.

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, liebe Vertreterinnen und Vertreter aus der Politik: Verstehen Sie diese Anekdote doch einfach einmal als eine Anregung für Ihre Gespräche und Verhandlungen…
Worauf ich hinauswill: Forschung und Lehre, so wie wir sie seit 200 Jahren auf Spitzenniveau betreiben, braucht Kontinuität, Planungssicherheit und perspektivische Verlässlichkeit für eine auskömmliche Grundfinanzierung, neben den zahlreichen, ohne Zweifel notwendigen Anträgen für Drittmittel.

Qualitativ hochwertige Forschung und Lehre auf Spitzenniveau sind kein Kurzstreckenlauf, keine zeitlich befristete Aufgabe, sondern eine Langstrecke. Was brauchen hierfür als Rüstzeug?
Ein zeitgemäßes Finanzierungsmodell, das die Spannung an der naturgemäßen Konfliktlinie zwischen befristeten Zuwendungen und nachhaltigen, langfristigen Finanzierungen, entschärft.

Wir brauchen auch die erforderlichen Räumlichkeiten und Infrastrukturen. Ich betone: Im Zentrum steht für uns nicht Beton, sondern immer der Mensch, die Studierenden, die Forschenden, Lehrenden und Beschäftigten. Diese wollen wir zukünftig noch stärker zusammenbringen, nicht allein unterbringen.

Wir brauchen für die Zukunft multifunktionale Forschungs-, Lehr- und Lernorte, die sowohl die unabdingbare persönliche Kommunikation abbilden, als auch die Möglichkeit schaffen, miteinander virtuell, verknüpft mit den immer wichtiger werdenden digitalen Forschungsdaten, zu arbeiten.

Diese Orte schließen explizit auch die Bereiche studentisches Wohnen, Kinderbetreuung sowie unsere Sport-, Kultur und Freizeitangebote ein. Unsere Universität ist ein Lebensraum. Hier reifen in einer entscheidenden Phase des Lebens Persönlichkeiten und Charaktere, Kontakte und Freundschaften, Ideen, Perspektiven und Dialoge über Fächer-, Alters- und auch weltanschauliche Grenzen hinweg.
Angesichts dessen ist meine Bitte an Sie alle: Unterstützen Sie uns hierbei.

Nur so können wir als Universität die herausragende Verantwortung übernehmen, die heute bereits mehr als einmal, völlig zurecht, von uns gefordert wurde.

In einem interdisziplinären Dialog unserer vielen Fächer, ein Dialog zwischen den Naturwissenschaften und den Geisteswissenschaften, zwischen Theologen und Biologen, zwischen Physikern mit Philosophen.
So kann sichergestellt werden, dass wir die Megathemen der Gegenwart und der Zukunft in ihrer gesamten Komplexität erfassen. Hieraus erwächst auch ein Verständnis füreinander, was wiederum zweifelsfrei zu einer höheren, wichtigen gegenseitigen Akzeptanz in der Gesellschaft führt.
Und von diesen Megathemen, von den Herausforderungen, die unsere Gesellschaften und Arbeitswelten disruptiv verändern werden, gibt es viele. Heute wie damals. Wollen wir diesen Wandel? Mit Verlaub: Niemand wird uns danach fragen. Die Frage, die wir vielmehr zu beantworten haben, lautet einzig und allein: Wollen wir diesen Wandel aktiv mitgestalten?

Mein eindringlicher Appell an uns alle lautet: Erkennen wir verstärkt die Möglichkeiten, die in diesem Wandel liegen. Begegnen wir den Veränderungen nicht mit Defätismus, sondern mit Optimismus. Rücken wir die Chancen von Veränderungen in den Fokus, ohne die Risiken dabei außer Acht zu lassen.

Neben allen berechtigten und notwendigen Fragen und Standortbestimmungen, die diskutiert werden müssen, darf eine Diskussion der Chancen dabei nicht in den Hintergrund geraten.
So werden wir den Wandel zum Wohle der Menschen gemeinsam gut gestalten. Ich bin sicher: An der Offenheit für das Neue wird sich die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft, der Wissenschaft und der Wirtschaft entscheiden.

Jedes einzelne unserer sechs erfolgreichen Cluster im Rahmen der Exzellenzstrategie adressiert ein solches Zukunftsthema in einer sich immer schneller wandelnden Welt. Von der Mathematik zur Immunologie, von Abhängigkeitsforschung zur Robotik für eine nachhaltige Landwirtschaft, von den Wirtschaftswissenschaften zur Quantenphysik.
Dieser Erfolg in der Exzellenzstrategie ist ein beeindruckendes Beispiel für die Stärke und Leistungsfähigkeit unserer Universität Bonn in ihrer ganzen Breite. Denn: Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler all unserer sieben Fakultäten sind an den erfolgreichen Clustern beteiligt.

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, liebe Festgäste,

dieser Erfolg in der Exzellenz-Strategie war allein aus einem einzigen Grund möglich. Und dieser Grund, die Voraussetzung für alles, war und ist das WIR – und das feiern wir heute.

Das WIR, entnommen als das erste Wort unserer Stiftungsurkunde, die Friedrich Wilhelm III. von Preußen heute auf den Tag genau vor genau 200 Jahren unterzeichnete.

Das WIR, das wir heute nicht mehr als den ursprünglich damit gemeinten Pluralis Majestatis verstehen.

Heute meint dieses WIR uns alle,
Sie, die Studierenden

  • Sie, die Professorinnen und Professoren,
  • Sie, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Technik und Verwaltung,
  • Sie, die Vertreterinnen und Vertreter des akademischen Mittelbaus,
  • Sie, die Freundinnen und Freunde unserer Universität.

Sie alle sind heute hier als Repräsentantinnen und Repräsentanten der Universität Bonn versammelt. Es ist diese Gemeinschaft, die uns so leistungsfähig und erfolgreich macht. Nur in diesem Geist des WIR werden wir das Ziel erreichen, im kommenden Jahr Exzellenz-Universität zu werden – nicht, um ein Exzellenz-Titel zu tragen, sondern weil auch dieser Erfolg dem WIR zu Gute kommt, der gesamten Universität in ihrer ganzen, beeindruckenden Breite. Daran arbeiten wir mit aller Kraft – mit Ihrer aller Unterstützung. 

Bonn, das Rheinland, im Herzen Europas – das ist unser geographischer Ankerpunkt seit 200 Jahren.

Das WIR aber strahlt weit über unsere Heimatstadt Bonn, die deutsche Stadt der Vereinten Nationen, und auch weit über unsere einzigartige Wissenschaftsregion hinaus. 1833 kam der Engländer George Toynbee nach Bonn zum Studium der Medizin, aber auch, weil er vom modernen deutschen Universitätssystem fasziniert war.Drei Jahre lang war der große italienische Schriftsteller und Nobelpreisträger Luigi Pirandello Student unserer Alma Mater, studierte die Sprache und Kultur seines Landes in Bonn, in der von Friedrich Diez begründeten „Wiege der Romanistik“ in Deutschland. Im Jahr 1907 promovierte Li Fuji aus Shanghai in Bonn und war damit der erste chinesische Staatsbürger, der außerhalb seines Heimatlandes einen akademischen Grad erwarb.

Seit 200 Jahren gehört für uns Internationalität zum Selbstverständnis und zum Alltag.

  • 70 Partnerhochschulen auf allen Erdteilen
  • derzeit mehr als 800 laufenden Forschungskooperation auf der ganzen Welt
  • 200.000 Alumni weltweit

Auch das umfasst das WIR. Was für ein tolles Zeichen, dass so viele von Ihnen heute zu uns gekommen sind, um diesen Tag mit uns zu feiern.

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, liebe Festgäste,

Wir. Seit 200 Jahren. Im Herzen Europas. Mit der Welt verbunden. Vieles hat sich in zwei Jahrhunderten gewandelt, vieles ist heute so aktuell wie einst.

Es ist das WIR, das uns heute – im 200. Jahr unseres Bestehens vielleicht mehr als jemals zuvor – stark macht.

Es ist das WIR, das die Einheit in der Vielfalt unserer Universität beschreibt.

Es ist das WIR, es ist unsere Universität Bonn, unsere Alma Mater, die uns verbindet.
Im Herzen Europas – und in der ganzen Welt.

WIR, für die nächsten 200 Jahre! WIR, gemeinsam für die Zukunft.

Ich danke Ihnen herzlich.

 

 

Diese Rede ist auch als pdf-Dokument und als Video im YouTube-Kanal von uni-bonn.tv verfügbar.

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